Oliver Stone

Der Regisseur Oliver Stone (70) besuchte das Zurich Film Festival zum vierten Mal und brachte sein neustes Meisterwerk «SNOWDEN» mit. Ob ihm dieser Film den vierten Oscar einbringt, ist ungewiss. Aufgrund der Thematik hatte Stone sogar Mühe Investoren zu finden, denn Edward Snowden hat die USA in zwei Lager gespalten. Die einen halten ihn für einen Helden, die andere für einen Verräter. Für Oliver ist er in erster Linie ein Mensch. Genau dieses Menschliche will er in seinem Film «SNOWDEN» zeigen.

Der 135-minütige Film zeigt wie Snowden zu seiner Tätigkeit im Geheimdienst kam, seine Liebesbeziehung zu Lindsay Mills und wechselt immer zwischen der Zeit kurz vor der Veröffentlichung und den wichtigen Passagen seiner Zeit im Geheimdienst. Fesselnd von Beginn mit Humor aber auch traurigen Sequenzen erzählt Stone wie vom überzeugten Amerikaner ein Whistleblower wurde.

Das Interview fand im wunderschönen Garten im Hotel Baur au Lac statt. Gemütlich sassen wir auf einem Bänkchen und sprachen mit Oliver über Snowden, die Demokratie und die Angst ins Visier der US-Regierung zu geraten.

Hattest du nie Angst die Aufmerksamkeit der Regierung auf dich zu ziehen?
Doch sicher. Ich stehe etwa seit den 70-er Jahren in der Öffentlichkeit. Einen sogenannten Prominenten zu verfolgen, ist für die NSA sehr heikel, weil die Presse sehr hässlich werden kann. Aber du kannst nicht verstecken, wer du bist. Es ist mein Schicksal, solche Geschichten zu verfilmen und der Öffentlichkeit die Wahrheit aufzuzeigen. Ich denke, es gibt sicher eine Akte über mich. Aber ich hoffe, diese Organisationen verschwenden nicht ihre Zeit mit meiner Überwachung.

INTERVIEW:

Diese Angst hat dich nie daran gehindert mit solchen Filmen weiterzumachen?
Nein, um Himmelswillen. Ich kann ja nichts Anderes (lacht).

Wie lebst du mit dieser Unsicherheit?
Ich lebe damit. Ich war im Militär in der Infanterie. Das Leben ist unsicher. Was glaubst du, irgendwer garantiert dir Sicherheit? Das ist die grösste Lüge, die ich je gehört habe.

Bei der Pressekonferenz hast du gesagt, du hasst Lügen. Ist dies einer der Hauptgründe, solche Filme zu drehen?
Sicher. Wenn ich etwas aufdecke oder mitbekomme, muss ich das weitegeben. Ich kann dann diese Wahrheit nicht mit mir herumschleppen. Sonst bekäme ich das «1984-Syndrom» (nach dem Roman von George Orwell «1984»). Das Buch kennt ihr sicher alle. Zuerst stellt der Protagonist Winston Smith Fragen und hinterfragt das System, aber am Schluss tritt er dem Überwachungsstaat bei und er überzeugt sich selbst, dass er diesen Staat und die Sicherheit liebt. Das finde ich ganz schrecklich, vor allem, weil wir heute nicht weit von so einem Überwachungsstaat entfernt sind.

Sicherheit und Überwachung ist ja gerade heute wieder ein grosses Thema. Du scheinst ziemlich ungehalten, wie die Politiker damit umgehen.
Ja, wieso gibt es keine guten Politiker. Man wird besser gewählt, wenn man Angst erzeugt. Das macht doch keinen Sinn. Man sollte der Bevölkerung die Problematik rund um das Thema Sicherheit erklären und sie verbessern. Aber solange das Geld regiert… Sicherheit ist ein grosses Geschäft.

Viele dachten mit Obama tritt eine Änderung ein, dies war leider nicht der Fall. Dabei scheint er so ein netter Kerl zu sein. Lässt man ihn überhaupt handeln?
Pass auf vor den netten Kerlen. Auch Bush ist ein sehr sympathischer Mann, ich habe ihn zweimal getroffen. Das Problem mit Obama ist, dass er sich selbst und die amerikanische Bevölkerung belügt. Deswegen sind seine Haare über diese acht Jahre auch ergraut (lacht). Er ist leider auch kein Kämpfer, deswegen kann er sich bei den Machtspielen auch schlecht durchsetzen. Fairerweise muss man sagen, dass es sicher eine geheime Regierung innerhalb der Regierung gibt. Somit hat er sicher keinen grossen Handlungsspielraum.

Das Thema Sicherheit ist auch im Film zentral. Du bist ein vehementer Gegner der Massenüberwachung, warum?
Weil es nichts bringt. All diese terroristischen Anschläge in den vergangenen Jahren hätten verhindert werden können. Die Attentäter waren den einzelnen Regierungen bekannt und sie hatten nichts unternommen. Sehr wahrscheinlich waren sie zu beschäftigt mit der Massenüberwachung, dass sie es versäumt haben, die Attentäter genauer unter die Lupe zu nehmen. Das war auch Snowden’s Punkt. Du suchst nicht die Nadel im Heuhaufen, sondern findest sie bevor sie hineinfällt. Spezifische Überwachung ist die Lösung.

Du hast Snowden neunmal in Moskau besucht. Ist er sehr traurig darüber, dass er wahrscheinlich nie mehr nach Hause kann?
Ja, er würde sehr gerne in seine Heimat zurückgehen. Das traurige ist, dass sein Land ihn fallengelassen hat. Eigentlich hätte er einen Nobelpreis verdient und nicht Obama, der einen für Frieden erhalten hat. Das ist meine Meinung. Im Film habe ich versucht Snowden’s Sicht aufzuzeigen und ihm Menschlichkeit zu verleihen.

Meinst du, Ed Snowden darf jemals wieder nach Hause?
Vielleicht wenn die Leute den Film sehen (lacht). Aber im Ernst, wenn Obama Gnade walten liesse. Immerhin hat Snowden die ganze Debatte ins Rollen gebracht. Aber ich denke, dies wird leider nicht der Fall sein. Auch mit den anderen zwei Präsidentschaftskandidaten wird Ed nicht so viel Glück haben.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit Snowden?
Ich musste schonend beginnen. Er wusste nicht, ob er diesen Film wollte und ich auch nicht. Ich habe ihn mehrmals besucht und er hat all die Lücken gefüllt, die ich aus seiner Biografie nicht herauslesen konnte. Dabei kam auch die Wichtigkeit von Lindsay heraus.

Die Szene mit dem Zauberwürfel hat mir sehr gut gefallen. War sie echt?
Es ist nicht genau so passiert. Wie alles im Film wurde auch diese Szene dramatisiert. Snowden war es sehr wichtig, nicht seine ehemaligen Arbeitskollegen zu gefährden.

Es gab schon in der Vergangenheit Whistleblower in Amerika. Was ist an Snowden anders?
Der Unterschied ist, dass er die gesammelten Daten nicht selbst veröffentlichte. Somit hat er keine Privatsphären verletzt. Er gab all die Daten den Journalisten und überliess ihnen die Entscheidung, was sie veröffentlichen.

Interview: Daphne Chaimovitz
Photos: ZFF & tMdb