Sergio Fertitta

DIE ANFÄNGE:

SerGIO’s Faszination für die Musik war schon von klein auf nicht zu übersehen. Er klimperte, wann immer er konnte, auf der viel zu grossen Gitarre seines Vaters oder auf irgendwelchen Kochtöpfen herum. Der Vater, ein sizilianischer Hobbyschlagzeuger und Musikfanatiker, kam jede Woche mit einer neuen Single aus der Hitparade (damals noch Vinyl) nach Hause. "Meine zwei Geschwister und ich waren immer gespannt, was er wieder neues im Plattenladen entdeckt und gekauft hatte", erinnert sich SerGIO. "Voller Begeisterung spielte er uns dann seine neuesten Errungenschaften vor."

Als der Vater eine Zeit lang keinen Übungsraum fand, kam das Schlagzeug kurzerhand in die Wohnstube. Nicht ganz zur Freude der Mutter, aber umso mehr der Kinder. Die Schweizer Mutter, ebenfalls sehr musikalisch, sang zu allen Liedern immer gleich die zweite Stimme, ohne das jeweilige Stück überhaupt zu kennen. "Obwohl sie bis heute kein Instrument gelernt hat, hört sie jeden noch so kleinen Fehler in einer Aufnahme", sagt SerGIO. Seine talentierte Schwester Diana spielt Querflöte und sein ebenso talentierter Bruder Ivan Saxophon - also eine richtig musikalische Familienbande. SerGIO schrieb bereits in der Primarschule seine ersten Texte und formte Diktate mit der Gitarre zu Liedern um. Sein erstes Demo nahm er mit 17 Jahren auf. "Ich erinnere mich noch, wie ich alle Instrumente in einem gemieteten Studio selbst einspielte. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards plus Gesang und Chöre", erzählt SerGIO. "Ich weiss auch noch, wie unzufrieden ich mit dem Tontechniker in diesem Studio war. Es ging alles viel zu langsam und seine Art, die Aufnahmen zu führen, war alles andere als motivierend. Ab da war für mich klar: "Ich muss ein eigenes Studio haben!"

SerGIO kennt bis heute keine Noten und hat sich alle Instrumente selbst beigebracht. Ein Autodidakt also, wie er im Buche steht. Sein mühsam zusammengespartes eigenes Studio folgte erst ein paar Jahre später, aber die ersten Aufträge kamen mittlerweile rein.
SerGIO: "Ich tüftelte Tag und Nacht an neuen Songs in allen möglichen Stilrichtungen, die ich dann verschiedenen Sängern und Sängerinnen aller Genres präsentierte. Tagsüber arbeitete ich in einem Musikgeschäft, um mir die Geräte fürs Studio zu finanzieren. Mein Ziel war es, für alle Sänger und Sängerinnen unabhängig von einer Stilrichtung schreiben zu können und es immer authentisch klingen zu lassen. Die harte Arbeit zahlte sich schliesslich aus."

DIE ERSTEN ERFOLGE

Mit nur 22 Jahren konnte er sich bereits zu 100% selbstständig machen und nur noch vom Songschreiben und Produzieren leben. "Kein Genre war mir fremd, und mir war immer wichtig, dass ich mein Studio nicht für irgendwelche Aufnahmen vermietete, sondern meine Dienste ausschliesslich für Songs, die ich selber geschrieben oder produziert habe, anbiete. Ich glaube, man kann seinen Karriereplan sehr schnell aus den Augen verlieren, wenn man zu allem Ja sagt, nur weil man das Geld braucht." Mit einem weiteren selbst eingesungenen Demo bekam der nun 23-Jährige SerGIO seinen ersten Plattenvertrag für ganze drei Alben, und zwar als Sänger und Produzent seiner eigenen Songs. 1994, also vor mehr als 26 Jahren, war es die grosse Ausnahme in diesem Geschäft, dass man sich selber produzieren konnte. Mit 24 Jahren spielten dann schon musikalische Grössen wie Robbie Bucanan (Whitney Houston, Bryan Adams), Jeff Lorber (Janet Jackson, Mariah Carey) oder John Robinson (Michael Jackson, Madonna, Quincy Jones) auf seinen Platten.

1997 wurde er sogar als Backgroundsänger für das Celine-Dion-Konzert im alten Letzigrund Stadion verpflichtet. SerGIO: "Es war definitiv eine tolle Erfahrung, vor 60.000 Leuten für Celine Dion zu singen und die Professionalität des ganzen Teams zu sehen." Es war mittlerweile allen klar, dass SerGIO ein musikalisches Ausnahmetalent ist. Nichtsdestotrotz war ihm von Anfang an bewusst, dass er nicht im Mittelpunkt stehen, sondern lieber die graue Eminenz im Hintergrund sein wollte. Sein Ziel war es, Hits für andere Künstler zu schreiben und nicht selber auf der Bühne singen zu müssen. Die Plattenfirma und er trennten sich einvernehmlich und SerGIO ging fortan seinen eigenen Weg.
1999 gewann er dann mit dem Sänger Jomar (heute Nevó) und dem für ihn geschrieben und produzierten Song "Say Say Say" den heissbegehrten Titel "Viva Act" 1999 in Köln und damit einen BMG-Ariola-Plattenvertrag in Deutschland. Dies war die Sensation schlechthin, denn VIVA war damals neben MTV das ganz grosse Los für Künstler.Oliver Pocher, damals noch ziemlich unbekannt, moderierte die Show.

Aus über 20.000 BewerberInnen wurden in Deutschland 10 Kandidaten für die "Viva Act 1999"-Show ausgewählt. Das Unglaubliche ist, dass den zweiten Platz eine neue Gruppe namens "The First Choice" belegte, welche ebenfalls aus der Schweiz kam und deren Songs wieder von SerGIO geschrieben und produziert wurden.

"Es lag definitiv Magie in der Luft!", erinnert sich SerGIO. Wirklich nicht schlecht für einen Songschreiber und Produzenten aus der kleinen Schweiz.

NR. 1 - HIT
2001 war es endlich soweit, als er den Song "M.U.S.I.C" für die Girlgroup Tears schreiben durfte und gleich von 0 auf die 1 der Schweizer Hitparaden stürmte. Es war das erste Mal in der Schweizer Musikgeschichte, dass einheimische Künstler es gleich an die Spitze der Charts schafften. Die Krönung war für SerGIO, als die Single wie auch das Album mit Gold ausgezeichnet wurden.

An SerGIO Fertitta’s Namen kam nun in der Branche niemand mehr vorbei. Es folgten viele Produktionen für deutsche Stars wie Bro'Sis, Alfonso Losa, Turbo B (Snap), Anita Doth (Two Unlimited), C-Block, Magic Affair etc.

Sogar Jermaine Jackson, der Bruder der Pop-Ikone Michael Jackson und selbst erfolgreicher Solo-Künstler, kam nach Zürich-Wallisellen, um von SerGIO produziert zu werden. "Ich konnte es kaum fassen und war super nervös" verrät SerGIO. "Ich hatte im Vorfeld einen Song von ihm für ein Duett neu arrangiert. Er war davon so begeistert, dass er mich unbedingt persönlich kennenlernen und mit mir zusammenarbeiten wollte. Für mich als unglaublich grosser Jacksons-Fan war das schon echt ein surrealer Moment, als er dann extra aus den USA zu mir nach Zürich ins Studio kam!"

H.R. GIGER

Universal Music und das Schweizer Fernsehen sahen das Potential in SerGIO’s Produktionen und Songs und verpflichteten ihn auf der Stelle für die ganzen Singles der erfolgreichen MusicStar-Reihe. Dort holte er gleich wieder zwei weitere Nummer-Eins-Platzierungen plus Platin- und Goldstatus für die von ihm produzierten Songs wie "Lost in Love" und "Kiss Goodbye".

Für Carmen Fenk, die Gewinnerin der ersten MusicStar-Staffel, produzierte er auch wieder mehrere Songs und wurde für das Album ebenfalls mit Gold ausgezeichnet. Auch Baschi’s erstes Album, für das SerGIO den Song "Z’spoot" beisteuerte, holte Goldstatus. Währenddessen produzierte er noch neue Radio-Versionen für Songs von Gianna Nannini und Patricia Kaas. "Ich wurde gehandelt, als hätte ich das Nummer-Eins-Rezept", erinnert sich SerGIO lachend. Selbst Free & Virgin, eine der grössten Konzertagenturen der Schweiz, wurden auf SerGIO’s Talent aufmerksam. SerGIO: "Sie hatten grosses Vertrauen in meine Produktionen und die Auswahl der Künstler, mit denen ich arbeitete. Unter dem Decknamen Different Swing Posse konnte ich sie im Vorprogramm bei Stars wie Black Eyed Peas, D12 oder Busta Rhymes auftreten lassen und sie somit einem neuen Publikum vorstellen."

SNOOP DOGG & COOLIO STORY

Als wäre das alles nicht schon genug, meldet sich eine deutsche Fernsehagentur bei SerGIO, die ihm folgendes mitteilte: "Der Rapper Coolio hat bei uns ein paar Ihrer Produktionen gehört. Er ist interessiert, mit Ihnen zu arbeiten und lässt anfragen, ob Sie passende Hip-Hop-Tracks für ihn anzubieten hätten."

SerGIO erinnert sich: "Es war wirklich zu viel des Guten. Ich dachte mir nur: "Wie bitte? Coolio hat meine Songs gehört? Aber ich sagte natürlich gleich zu und liess dieser Agentur meine stärksten Hip-Hop-Tracks zukommen. Ein paar Tage später riefen sich mich wieder an und verkündeten: Coolio möchte Sie gerne persönlich kennenlernen und die gesendeten Tracks mit Ihnen aufnehmen! Bereits eine Woche später nahm ich mit Coolio, in meinem damaligen Studio in Wallisellen-Zürich 8 Songs auf, die wir zusammen geschrieben hatten. Die Chemie war perfekt. Doch damit noch nicht genug: Coolio musste für ein Konzert nach Mailand reisen und ich wusste, dass er sich mit Snoop Dogg treffen würde. Sie wollten schon seit langer Zeit gemeinsam eine Single aufnehmen. Snoop Dogg kam mit den Beats seines Produzenten und Coolio ebenfalls. Darunter war auch einer meiner Tracks. Beide gingen die Beats durch und genau bei meinem Track sagte Snoop Dogg glücklicherweise: That’s the one!!! Der Rest ist Geschichte."

Die Single "Gangsta Walk" ging mit einem massiv teuren Musikvideo um die Welt und wurde auf unzähligen Compilations gefeatured. Weitere zwei Single-Auskopplungen inklusive Videos folgten, die ebenfalls von SerGIO stammten. Auf dem Coolio-Album "Return Of The Gangsta", das sich weltweit über 600.000 Mal verkaufte, fanden sich 6 von SerGIO mitgeschriebene und natürlich auch produzierte Songs.

6 JAHRE LOS ANGELES
SerGIO war überwältigt und brauchte dennoch eine neue Herausforderung, also zog er 2006 kurzerhand nach Los Angeles. "Ich wollte wissen, wie gut ich wirklich bin", begründet er diesen Schritt. Nach vielen Ghostwritings (wo man für bekannte Namen Songs schreibt und zwar gut bezahlt, aber nicht erwähnt wird) kam er mit anderen Ghostwritern zusammen, die ihm gute Pop-Projekte vermitteln konnten. SerGIO: "Finanziell wurde es jetzt wieder lukrativ und ich konnte mein Studio auch in Los Angeles wieder auf einen Top-Standard bringen." 

SIR GIO COMIC

SerGIO verrät: "Genau zu dieser Zeit wollte ich einen jahrelangen Bubentraum nun endlich in die Realität umsetzen. Es war an der Zeit, mein vor vielen Jahren verfasstes Comic-Skript zeichnen zu lassen. Ich wollte endlich meinen eigenen Comic in den Händen halten!"

Die Hauptfigur wird in London von Queen Elizabeth zum Ritter geschlagen und trägt nun den Titel Sir. Dass sich der Name, wenn man ihn ausspricht, dadurch fast genauso anhört wie SerGIO, ist natürlich Absicht. Weiter erzählt SerGIO: "Es brauchte mehrere mühsame Anläufe für diese Idee. Ich wurde von verschiedensten Zeichnern immer wieder fallen gelassen. Eines Tages, als ich einen weiteren talentierten Zeichner namens Rico Grünenfelder am Telefon hatte und ihn für mein Skript zu begeistern versuchte, sagte dieser: Ich glaube nicht, dass ich der richtige Mann für dich bin, aber ich kenne da jemanden, der schon für Batman, Spider-Man, Witchblade etc. gezeichnet hat. Ich dachte mir nur: Alles klar und genau der hat jetzt Zeit und Interesse, mein Skript zeichnerisch umzusetzen. Rico liess aber nicht locker und erklärte mir, dass dieser besagte Zeichner eine sehr ähnliche Energie versprühe und wir uns sicher gut verstehen würden. Besagter Künstler heisst David Boller und Rico stellte den Kontakt her. Kurz darauf erzählte ich diesem bekannten Zeichner von meinem Vorhaben und er war gleich begeistert von der Idee, dass mein Superheld mit Musiknoten als Waffe die Verbrecher zu besseren Menschen werden lässt. Gesagt, getan. Nach ca. einem Jahr ging dieser grosse Bubentraum in Erfüllung und mein Comic "Sir GIO" war geboren. Nun konnte ich bei jedem Meeting in Los Angeles neben meinen Songs auch noch mein eigenes Comic-Heft mitbringen. Wenn ich nun jemanden anrief, hiess es nur "Ah, der Produzent mit dem Comic-Heft!" Es verlieh mir die nötige Aufmerksamkeit und die Leute konnten sich in dieser doch sehr oberflächlichen Szene nun noch besser an mich erinnern."

MUSIKERSZENE VON LOS ANGELES

In den folgenden Jahren schrieb SerGIO für Künstlergrössen wie Frank Ocean, Shaggy, Snow, Michel’le oder Dave Hollister und kooperierte zudem mit hochkarätigen Songwritern wie Philip Lawrence (Bruno Mars, Cardi B) Clare Fischer (Prince, Michael Jackson) oder London Jones (Jessica Simpson, Braxtons), um nur einige zu nennen.

"Ich war wieder dick drin im Musikgeschäft, aber nach sechs Jahren hatte ich die Nase ziemlich voll von Los Angeles. Ich vermisste meine Familie und meine Freunde, die mittlerweile alle heirateten und zum Teil schon Kinder bekamen. Ich wollte Teil von diesen Geschehnissen sein und wusste, dass ich meinen Lebensabend nicht hier verbringen wollte."

RÜCKKEHR IN DIE SCHWEIZ

2011 kehrte SerGIO daher wieder in die Schweiz zurück und hatte schon wenig später die grosse Ehre, für die erfolgreichste Eiskunstshow der Welt, die "Art on Ice", die offizielle Hymne zu schreiben und zu produzieren. Der Titel "Live your Fantasy", die auch bei Universal als Single erschien, wurde im Duett von keinem geringeren als Weltmeister und Eiskunststar Stephane Lambiel eingesungen und war die Hauptattraktion der Show.

DOPPEL-PLATIN- AUSZEICHNUNG & ZWEI SWISS MUSIC AWARDS

Auch der Zürcher Mundart-Rapper BLIGG bekam nun Wind davon, dass SerGIO wieder im Land war, und buchte ihn augenblicks als Komponist und Produzent für das Album "Service Publigg". Das Album ging gleich nach Veröffentlichung durch die Decke und erreichte nicht nur die Nummer Eins in den Charts, sondern auch Doppel-Platin. Die Single "MundArt", die mit zahlreichen Schweizer Dialekten aufwartet, erreichte Gold Status. Damit nicht genug, ging die Erfolgsgeschichte mit Bligg gleich noch weiter. "Service Publigg" wurde als Best Urban Album und "MundArt" als Best Hit National mit gleich zwei Swiss Music Awards ausgezeichnet. Derselbe Song wurde zeitgleich noch der Titelsong des Schweizer Erfolgsfilms "Achtung Fertig WK".